Li Yans Bildwelt
Die Werke von Li Yan wurden bereits in Tokyo, Los Angeles und London ausgestellt und von Saatchi & Saatchi gesammelt. Trotzdem bleibt er ein Unbekannter in der Pekinger Kunstszene. Das liegt wohl an seiner bewussten Abkehr von dem Überdimensionalen und Bombastischen der chinesischen Gegenwartskunst. Stattdessen malt er miniformatige Bilder, die sich als Fragmente einer Erzählung lose und asymmetrisch auf der Wand gruppieren. Dargestellt werden Szenen von Gewalt und Krieg, welche reale Bildausschnitte aus Zeitungen und Fernsehnachrichten zur Vorlage haben. Li Yan übersetzt die Originalfotos in ein abstrakt-geometrisches System von scheinbar flüchtig aufgetragenen Zickzacklinien, Strichen und Farbflecken. Die Gesichtszüge werden dabei verwischt, die Körper verlieren ihre Substanz und erscheinen wie Silhouetten. Die kühle Farbpalette steigert noch das Gefühl des Fremden und Unheimlichen.
Thematisiert sind weniger die Ereignisse an sich, vielmehr unsere durch Medien-Reportagen gefilterte Wahrnehmung der Wirklichkeit: fragmentarisch, flüchtig, stereotypisch. Geschichten werden zu Nachrichten; sie werden nicht erlebt, sondern in unser Bewusstsein projiziert und verkommen durch die scheinbar ewige Wiederkehr zur Banalität. Die Realität wird virtuell, das Festhalten und Fokussieren durch die Kamera rückt die Sujets nur noch in eine ungreifbare Distanz. Diese mediale Entfremdung von Menschen und deren Schicksälen zeigt Li Yan eindringlich in seiner Malerei und lässt zugleich einen verborgenen Kern der Menschlichkeit jenseits ihres Schattendaseins erahnen.
© Galerie Ling
Kommentar zur chinesischen Gegenwartskunst
Die chinesische Wirtschaft boomt, der Markt für chinesische Kunst auch. Werke von chinesischen Künstlern werden bei Christie’s und Sotheby’s für Millionen Dollar versteigert, und überall auf der Welt in den angesehensten Museen, Galerien und auf Biennalen hat die chinesische Gegenwartskunst längst einen festen Platz. Ist die chinesische Kunst zu neuem Leben erwacht? Sicherlich nicht ! Wenn man genauer hinsieht, stößt man immer wieder auf dieselben Formelemente: die fratzenhaften Glatzköpfe, die Lichtensteinische Komik, das Warholsche „Malen nach Zahlen“, die Richtersche Unschärfe, die Baselitzsche Fraktur, die „Kulturbesonnenen“ ahmen die Kiefersche Ruinenlandschaft nach, und immer ist auch eine Mao-Bibel, ein uniformierter Polizist und ein entblößter oder verstümmelter Körper irgendwo dabei. (Siehe Abbildungen) Also eine ganz simple Formel: eine im Westen längst bekannte Technik plus eine floskelhafte politische Botschaft. Alles bleibt oberflächlich inszeniert, exhibitionistisch. Der Individualismus, die regimekritische, aufständische Haltung, die damit zur Schau gestellt werden, sind nicht mehr als populistische Inszenierung. Es fehlt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Problemen der chinesischen Kunst, so wie in der chinesischen Gesellschaft im Ganzen, trotz der vermeintlichen Befreiung durch die Öffnungspolitik, eine ernsthafte Selbstbefragung noch ausbleibt. Der Verlust der alten Tradition, die extreme Verschulung des Bildungssystems, die Korruption, der soziale Konformismus, all diese tief sitzenden Probleme der chinesischen Gesellschaft spitzen sich in der Kunstwelt nur zu, statt dort kritisch reflektiert zu werden.
Die Politisierung in der zeitgenössischen chinesischen Kunst ist also eine versteckte Entpolitisierung, die Freiheit eine versteckte Abhängigkeit. Dagegen gewinnt jede Kunst, die diese gewollte Zurschaustellung ablehnt und sich still auf sich selbst besinnt, eine starke politische Brisanz. Denn nichts ist revolutionärer in der chinesischen Kunst, in der chinesischen Gesellschaft, als die Behauptung des eigenen Selbst als Individuum. Das schrittweise Suchen und Erproben der eigenen Sprache, die Formulierung eines individuellen Ausdrucks – wie unscheinbar das auch sein mag – vermisst man in der serienweise produzierten zeitgenössischen chinesischen Kunst. Wer sich dessen annimmt, und die damit verbundene Einsamkeit erträgt, bereitet den Weg für eine echte Erneuerung der chinesischen Kunst und der chinesischen Kultur im Ganzen.



Künstler: Fang Lijun, Yue Mingjun, Zeng Fanzhi, Zhao Bo, Li Shan, Yu Youhan, Liu, Fenghua, Reng Sihong, Ai Weiwei, Qiu Zhijie
Mehr Beispiele unter:
www.shanghartgallery.com/galleryarchive/artists/ (Shangart, Shanghai)
www.andrewjamesart.com/artists.htm (Andrew James Art, Shanghai)
www.kerseboom.com/artists.html (Willem Kerseboom Gallery, Amsterdam)
© Galerie Ling
