Li Yan
Interview mit Li Yan
21/10/2010 21:12
(Geführt im Atelier des Künstlers am 07.10.2010 in Peking.)
Zhu: Die Frage, die jeder an dich stellt, ist, wieso du nur Mini-Bilder malst, also im Schnitt nur 15 x 25 cm groß. (Abbildung 1) Bekanntlich bevorzugen ja fast alle chinesischen Künstler heute Riesenformate.
Li Yan: Ich habe früher auch großformatig, zum Beispiel 4 x 3 Meter, gemalt. Rein zufällig habe ich kleine Leinwände gekauft und versucht, darauf zu malen. Ich fühlte mich sehr entspannt und frei und konnte unmittelbar meine Vorstellungen ausdrücken. An großen Bildern dagegen muss man wochen- und monatelang arbeiten und oft geht der ursprüngliche Impuls dabei verloren. Kleine Formate sind für mich eine so unmittelbare Ausdrucksweise wie die Skizzen.
Außerdem hat das kleine Format auch mit meiner Arbeitsweise zu tun. Ich male ja nach Nachrichten-Fotos, die ich im Internet sehe. Das sind für mich kleine Fragmente, die ich dann in bestimmter Weise zusammensetze. (Die zusammengesetzten Bildserien nennt Li Yan „Accidents“, Abbildung 2) In der Zusammensetzung ergeben die kleinen Bilder unerwartete Querbezüge, die viel spannender sind als wenn alles auf einem einzigen großen Bild übersichtlich dargestellt würde.
Zhu: Malst du also nur nach Fotos aus den Medien?
Li Yan: Ja. Ich habe versucht, selber zu photographieren, aber ich war noch nie mit meinen eigenen Fotos zufrieden. Ich habe auch versucht, aus der Phantasie zu malen. Damit bin ich ebenso wenig zufrieden. Dagegen sprechen mich Fotos von anderen, die ich im Internet sehe, oft mehr an. Eine bestimmte Farbigkeit, eine bestimmte Bewegung inspirieren mich und ich setze das sofort in die Malerei um. Das ist sozusagen meine Methodik.
Zhu: Man kann fragen, ist denn deine Malerei nicht eine bloße Wiederholung der Medienfotos? Wozu braucht man denn diese Verdoppelung?
Li Yan: Für mich unterscheidet sich das Malen nach Fotos nicht viel vom Malen nach anderen Motiven wie Mensch oder Landschaft. Die Fotos stellen den Gegenstand dar, und durch die Malerei interpretiere ich die Fotos mit meiner eigenen Wahrnehmung und meinem eigenen Verständnis und mache mir dadurch die Fotos sozusagen zu eigen. Außerdem findet durch die Malerei ein Verallgemeinerungsprozess statt. Einem Ereignis wird sein spezifischer Kontext genommen und man hat das Gefühl, das sei Teil unseres alltäglichen Lebens.
Zhu: Haben deine Bilder noch etwas mit dir zu tun, wenn du nach Fotos malst?
Li Yan: Mein Eindruck ist, was auch immer man malt, solange man malt, kommt der Maler als Person zum Tragen. Ich habe das Gefühl, dass ich durch meine Malerei sehr viel von meinen eigenen Stimmungen ausdrücken kann, auch wenn die Vorlagen woanders her stammen. Natürlich kann das anders sein, wenn die Bilder in einem Konglomerat auftreten. Der Betrachter kann durch seine intellektuelle Analyse Beziehungen in die Bilder hineininterpretieren, die mir nicht bewusst sind. Aber sicher gilt, dass jedes einzelne Bild meine eigene Stimmung ausdrückt. Ohne Stimmung kann man nicht malen.
Zhu: Deine Hauptthemen bleiben über die Jahre hinweg Kriege, Gewalt, Unfälle, also nur Unglück des Menschen. (Abbildugn 3, 4) Hat das auch persönliche Gründe?
Li Yan: Ich habe nur das Gefühl, dass schmerzliche Szenen die Menschen allgemein betreffen, stechen. Und wenn man durch die Malerei dieses stechende Gefühl ausdrückt, bekommen die Bilder sowohl visuell als auch psychisch eine unheimliche Kraft. Diese Kraft der Bilder gefällt mir. Ich bin nicht ein Maler, der dem Betrachter voyeuristische Einblicke in mein eigenes Leben geben möchte, weil ich mich dann wegen meiner Bilder schämen würde. Dagegen schäme ich mich nicht, wenn ich blutige, schmerzhafte Szenen male und die Menschen und mich selbst in tiefe Betroffenheit versetze.
Zhu: Welche Rolle spielt die Hängung deiner Bilder? Jede Accident-Serie wird in einer bestimmten Weise angeordnet. Wird die Serie sozusagen zerstört, wenn man die Hängung verändert?
Li Yan: Ich überlege mir die Hängung nicht bevor, sondern nachdem ich die einzelnen Bilder gemalt habe. Nachdem ich zum Beispiel 20 Einzelbilder gemalt habe, versuche ich sie in einer bestimmten Weise anzuordnen. Die Anordnung verschiedener Bilder ist im Prinzip nicht viel anders als das Komponieren eines einzigen Bildes. Man beachtet die Helldunkel-, die Farb- und die Raumverhältnisse und versucht sie in Harmonie zu bringen. Das mache ich durch die räumliche Verteilung, die Modulierung von Abständen, die Hinzufügung oder Wegnahme von Einzelbildern, bis ich das Gefühl habe, dass nichts mehr geändert werden kann. Das Ergebnis ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe von Teilen. Gerade die Vermischung der Szenen aus verschiedenen Kontexten erlaubt dem Betrachter, unterschiedliche Beziehungen herzustellen, die in den einzelnen Bildern gar nicht angelegt sind.
Zhu: Vermitteln deine Bilder einen bestimmten politischen Standpunkt?
Li Yan: Ich bin ziemlich unempfindlich, wenn es um die Politik geht. Ich bin in einer Gesellschaft mit Regeln und Beschränkungen aufgewachsen. Ich bin diesem Umfeld vollkommen angepasst, so dass ich keinen besonderen politischen Standpunkt bilden kann. Meine Bilder werfen nichts vor, noch drücken sie Mitleid mit bestimmtem Geschehen aus. Sie haben einzig und allein mit meinen Privatgefühlen zu tun. In diesem Sinne bin ich sozusagen auch ein bisschen egoistisch.
Zhu: Was bedeutet die Malerei für dich? Kannst du dir vorstellen, auch die sogenannten „Neuen Medien“ oder die Performance auszuprobieren?
Li Yan: Seit der zweiten Schulkasse lerne ich die Malerei. Ich bin schon abhängig von ihr oder das ist schon Teil von mir geworden. Wenn ich zu anderen Medien wechsele, bin ich bestimmt noch amateurhafter als die Amateure.
Zhu: Wie siehst du dich als Chinese in der Tradition der westlichen Ölmalerei?
Li Yan: Ich habe mir nie bewusst diese Frage gestellt. Wie schon erwähnt, lerne ich seit meiner Schulzeit die westliche Malerei. Das ist für mich so natürlich wie heute die Chinesen alle Autos fahren und westliche Kleidung anziehen. Vielleicht erscheint das einem Westler sehr merkwürdig, aber für uns Chinesen ist es kaum noch möglich, die Grenze zwischen westlich und chinesisch zu ziehen.

Abbildung 1: Li Yan: Untitled, 2010, Acryl auf Leinwand, 20 x 26 cm, in Privatsammlung.

Abbildung 2: Li Yan: Accident 4, Serie aus 6 Bildern, 2009, Acryl auf Leinwand, Größe zwischen 15 x 37 cm und 15 x 22.5 cm

Abbildung 3: Li Yan: Untitled, 2010, Acryl auf Leinwand, 15 x 25 cm, in Privatsammlung.

Abbildung 4: Li Yan: Einzelbild aus der Serie Accident 1, 2009, Acryl auf Leinwand, 20 x 26 cm
© Galerie Ling
Zhu: Die Frage, die jeder an dich stellt, ist, wieso du nur Mini-Bilder malst, also im Schnitt nur 15 x 25 cm groß. (Abbildung 1) Bekanntlich bevorzugen ja fast alle chinesischen Künstler heute Riesenformate.
Li Yan: Ich habe früher auch großformatig, zum Beispiel 4 x 3 Meter, gemalt. Rein zufällig habe ich kleine Leinwände gekauft und versucht, darauf zu malen. Ich fühlte mich sehr entspannt und frei und konnte unmittelbar meine Vorstellungen ausdrücken. An großen Bildern dagegen muss man wochen- und monatelang arbeiten und oft geht der ursprüngliche Impuls dabei verloren. Kleine Formate sind für mich eine so unmittelbare Ausdrucksweise wie die Skizzen.
Außerdem hat das kleine Format auch mit meiner Arbeitsweise zu tun. Ich male ja nach Nachrichten-Fotos, die ich im Internet sehe. Das sind für mich kleine Fragmente, die ich dann in bestimmter Weise zusammensetze. (Die zusammengesetzten Bildserien nennt Li Yan „Accidents“, Abbildung 2) In der Zusammensetzung ergeben die kleinen Bilder unerwartete Querbezüge, die viel spannender sind als wenn alles auf einem einzigen großen Bild übersichtlich dargestellt würde.
Zhu: Malst du also nur nach Fotos aus den Medien?
Li Yan: Ja. Ich habe versucht, selber zu photographieren, aber ich war noch nie mit meinen eigenen Fotos zufrieden. Ich habe auch versucht, aus der Phantasie zu malen. Damit bin ich ebenso wenig zufrieden. Dagegen sprechen mich Fotos von anderen, die ich im Internet sehe, oft mehr an. Eine bestimmte Farbigkeit, eine bestimmte Bewegung inspirieren mich und ich setze das sofort in die Malerei um. Das ist sozusagen meine Methodik.
Zhu: Man kann fragen, ist denn deine Malerei nicht eine bloße Wiederholung der Medienfotos? Wozu braucht man denn diese Verdoppelung?
Li Yan: Für mich unterscheidet sich das Malen nach Fotos nicht viel vom Malen nach anderen Motiven wie Mensch oder Landschaft. Die Fotos stellen den Gegenstand dar, und durch die Malerei interpretiere ich die Fotos mit meiner eigenen Wahrnehmung und meinem eigenen Verständnis und mache mir dadurch die Fotos sozusagen zu eigen. Außerdem findet durch die Malerei ein Verallgemeinerungsprozess statt. Einem Ereignis wird sein spezifischer Kontext genommen und man hat das Gefühl, das sei Teil unseres alltäglichen Lebens.
Zhu: Haben deine Bilder noch etwas mit dir zu tun, wenn du nach Fotos malst?
Li Yan: Mein Eindruck ist, was auch immer man malt, solange man malt, kommt der Maler als Person zum Tragen. Ich habe das Gefühl, dass ich durch meine Malerei sehr viel von meinen eigenen Stimmungen ausdrücken kann, auch wenn die Vorlagen woanders her stammen. Natürlich kann das anders sein, wenn die Bilder in einem Konglomerat auftreten. Der Betrachter kann durch seine intellektuelle Analyse Beziehungen in die Bilder hineininterpretieren, die mir nicht bewusst sind. Aber sicher gilt, dass jedes einzelne Bild meine eigene Stimmung ausdrückt. Ohne Stimmung kann man nicht malen.
Zhu: Deine Hauptthemen bleiben über die Jahre hinweg Kriege, Gewalt, Unfälle, also nur Unglück des Menschen. (Abbildugn 3, 4) Hat das auch persönliche Gründe?
Li Yan: Ich habe nur das Gefühl, dass schmerzliche Szenen die Menschen allgemein betreffen, stechen. Und wenn man durch die Malerei dieses stechende Gefühl ausdrückt, bekommen die Bilder sowohl visuell als auch psychisch eine unheimliche Kraft. Diese Kraft der Bilder gefällt mir. Ich bin nicht ein Maler, der dem Betrachter voyeuristische Einblicke in mein eigenes Leben geben möchte, weil ich mich dann wegen meiner Bilder schämen würde. Dagegen schäme ich mich nicht, wenn ich blutige, schmerzhafte Szenen male und die Menschen und mich selbst in tiefe Betroffenheit versetze.
Zhu: Welche Rolle spielt die Hängung deiner Bilder? Jede Accident-Serie wird in einer bestimmten Weise angeordnet. Wird die Serie sozusagen zerstört, wenn man die Hängung verändert?
Li Yan: Ich überlege mir die Hängung nicht bevor, sondern nachdem ich die einzelnen Bilder gemalt habe. Nachdem ich zum Beispiel 20 Einzelbilder gemalt habe, versuche ich sie in einer bestimmten Weise anzuordnen. Die Anordnung verschiedener Bilder ist im Prinzip nicht viel anders als das Komponieren eines einzigen Bildes. Man beachtet die Helldunkel-, die Farb- und die Raumverhältnisse und versucht sie in Harmonie zu bringen. Das mache ich durch die räumliche Verteilung, die Modulierung von Abständen, die Hinzufügung oder Wegnahme von Einzelbildern, bis ich das Gefühl habe, dass nichts mehr geändert werden kann. Das Ergebnis ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe von Teilen. Gerade die Vermischung der Szenen aus verschiedenen Kontexten erlaubt dem Betrachter, unterschiedliche Beziehungen herzustellen, die in den einzelnen Bildern gar nicht angelegt sind.
Zhu: Vermitteln deine Bilder einen bestimmten politischen Standpunkt?
Li Yan: Ich bin ziemlich unempfindlich, wenn es um die Politik geht. Ich bin in einer Gesellschaft mit Regeln und Beschränkungen aufgewachsen. Ich bin diesem Umfeld vollkommen angepasst, so dass ich keinen besonderen politischen Standpunkt bilden kann. Meine Bilder werfen nichts vor, noch drücken sie Mitleid mit bestimmtem Geschehen aus. Sie haben einzig und allein mit meinen Privatgefühlen zu tun. In diesem Sinne bin ich sozusagen auch ein bisschen egoistisch.
Zhu: Was bedeutet die Malerei für dich? Kannst du dir vorstellen, auch die sogenannten „Neuen Medien“ oder die Performance auszuprobieren?
Li Yan: Seit der zweiten Schulkasse lerne ich die Malerei. Ich bin schon abhängig von ihr oder das ist schon Teil von mir geworden. Wenn ich zu anderen Medien wechsele, bin ich bestimmt noch amateurhafter als die Amateure.
Zhu: Wie siehst du dich als Chinese in der Tradition der westlichen Ölmalerei?
Li Yan: Ich habe mir nie bewusst diese Frage gestellt. Wie schon erwähnt, lerne ich seit meiner Schulzeit die westliche Malerei. Das ist für mich so natürlich wie heute die Chinesen alle Autos fahren und westliche Kleidung anziehen. Vielleicht erscheint das einem Westler sehr merkwürdig, aber für uns Chinesen ist es kaum noch möglich, die Grenze zwischen westlich und chinesisch zu ziehen.

Abbildung 1: Li Yan: Untitled, 2010, Acryl auf Leinwand, 20 x 26 cm, in Privatsammlung.

Abbildung 2: Li Yan: Accident 4, Serie aus 6 Bildern, 2009, Acryl auf Leinwand, Größe zwischen 15 x 37 cm und 15 x 22.5 cm

Abbildung 3: Li Yan: Untitled, 2010, Acryl auf Leinwand, 15 x 25 cm, in Privatsammlung.

Abbildung 4: Li Yan: Einzelbild aus der Serie Accident 1, 2009, Acryl auf Leinwand, 20 x 26 cm
© Galerie Ling
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Great Realism And Abstraction In One - On Li Yan's Paintings
01/03/2010 00:36
Until today people still tend to distinguish between “figurative” and “abstract” painting based on whether it depicts anything. But what really is decisive in this question is the approach of the artist. Often it is much more difficult to create a figurative painting using abstract means, than to paint entirely without any subject.
Abstraction is especially difficult for Chinese painters since the whole art education in China is focused on figurative representation. That’s why many contemporary Chinese artists don't even try to break away from it. Those who do try usually stop short at the level of “deconstructing” the figure – by using frantic brushstrokes to break apart surface continuity. But behind it the classical composition of the figure in terms of contour, volume and mass still remains discernible.
At first sight Li Yan is a thoroughly figurative painter and his subject matter remains quite constant: people in conflict situations – be they “terrorists”, prisoners, victims or combatants. And what may make him appear even more “realistic” is the fact that he indeed paints from real photos, photos culled from newspaper and television. However, the resulting paintings are not so much about the events themselves than about our perception of them through the media. This in turn is characterized by a paradoxical tension between zoomed-in focus and the actual sense of distance – although we are bombarded with these news stories and images each day, their characters remain in actual fact distant, alien and intangible to us. Li Yan expresses this tension by literally thrusting the figures into the immediate foreground, while at the same time obscuring their features to irrecognisability. The cluster of short, fleeting brushstrokes vividly evokes the sense of quivering shadowiness. (figure 1) You receive the feeling that these people have only just crystallized into sight and may at any time dissolve back into invisibility. (figure 2)
figure 1
figure 2And it is in the integration of the whole canvas, of figure and space, that Li Yan reveals his thoroughly abstract thinking. In Li Yan’s paintings figures and their setting are not conceived as separate entities; instead they are weaved together into a complex network of geometric and color relations. Lines, shapes, color patches of human figures, objects and surroundings freely join, intersect, repeat or contrast with each other, resulting in distortions of “realistic correctness” but intensification of the drama. See the splash of short brushstrokes that spills over the camouflaged soldiers onto the bus (figure 3); or how inseparable the wounded patient and the operation bed have become through the interconnecting lines and planes (figure 4). All this proves to me that Li Yan conceives his paintings holistically, and applies his brushstrokes primarily as a means of animating and directing the vision. In addition, he paints with great economy, only so much as is necessary to express the essence of the drama, which photography can’t capture due to the superfluity of details. See the white body/corpse lying on the floor, whose shatteredness is rendered by the crisscross of merely a few strokes (figure 3). Or look at the cramped mass of Georgian refugees on top of the wagon, their jostling, frenetic confusion expressed purely by the swirling mosaic of short brush marks. (figure 4)
figure 3
figure 4
figure 5
figure 6It is possible to suspend figurative recognition for a moment and look at Li Yan’s paintings as a pure rhythmic flow of brushstrokes: accelerating and decelerating, twisting and turning, concentrating and diverging. Before identifying any “form”, you have already grasped the “spirit” of the story. For me this is great realism and great abstraction in one.
© Galerie Ling
Li Yans Bildwelt
07/03/2010 00:58
Die Werke von Li Yan wurden bereits in Tokyo, Los Angeles und London ausgestellt und von Saatchi & Saatchi gesammelt. Trotzdem bleibt er ein Unbekannter in der Pekinger Kunstszene. Das liegt wohl an seiner bewussten Abkehr von dem Überdimensionalen und Bombastischen der chinesischen Gegenwartskunst. Stattdessen malt er miniformatige Bilder, die sich als Fragmente einer Erzählung lose und asymmetrisch auf der Wand gruppieren. Dargestellt werden Szenen von Gewalt und Krieg, welche reale Bildausschnitte aus Zeitungen und Fernsehnachrichten zur Vorlage haben. Li Yan übersetzt die Originalfotos in ein abstrakt-geometrisches System von scheinbar flüchtig aufgetragenen Zickzacklinien, Strichen und Farbflecken. Die Gesichtszüge werden dabei verwischt, die Körper verlieren ihre Substanz und erscheinen wie Silhouetten. Die kühle Farbpalette steigert noch das Gefühl des Fremden und Unheimlichen.
Thematisiert sind weniger die Ereignisse an sich, vielmehr unsere durch Medien-Reportagen gefilterte Wahrnehmung der Wirklichkeit: fragmentarisch, flüchtig, stereotypisch. Geschichten werden zu Nachrichten; sie werden nicht erlebt, sondern in unser Bewusstsein projiziert und verkommen durch die scheinbar ewige Wiederkehr zur Banalität. Die Realität wird virtuell, das Festhalten und Fokussieren durch die Kamera rückt die Sujets nur noch in eine ungreifbare Distanz. Diese mediale Entfremdung von Menschen und deren Schicksälen zeigt Li Yan eindringlich in seiner Malerei und lässt zugleich einen verborgenen Kern der Menschlichkeit jenseits ihres Schattendaseins erahnen.
© Galerie Ling
