Li Yan: Katastrophisches Welttheater - Ein Chinese malt unser Zeitalter

In Peking sitzt ein Mann, der macht sich malend so seine Gedanken über das katastrophische Welttheater. Und da er nicht alle Schauplätze dieses Welttheaters besuchen kann, dienen ihm Reportage-Fotos westlicher Fotojournalisten als Ausgangspunkt seiner malerischen Reflexionen.
Der Mann heisst Li Yan. Er wurde 1977 in China geboren und seit einigen Jahren kommentiert er malend die Leiden unserer Zivilisation, seien es Kriege, Aufstände, Unglücke oder Katastrophen. Er hat bereits in London, Los Angeles, Peking und Tokio ausgestellt und seine Bilder befinden sich in der Sammlung Saatchi.
Li Yan macht uns nichts vor, er wirft keine ideologischen Nebelkerzen, er treibt keine Schönfärberei. Seine Bilder erscheinen handlich wie Fotografie (in der Regel 15 x 25 cm), bilden Szenen ab wie Fotografien und fokussieren die Aufmerksamkeit auf einen Schwerpunkt wie Fotografien. Li Yan ordnet seine Bilder in nichtlinearen „Fotostrecken“, die er „Accidents“ nennt, an, wie unter Blitzlichtgewitter leuchten hier Bilder aus verschiedensten katastrophalen Zusammenhängen auf, bleiben im Gedächtnis haften und werden vom Betrachter neu zusammengesetzt.
Fotos geben Neutralität und Objektivität vor, das tun Li Yans Gemälde nicht. Sie nehmen Stellung. Sie zeigen den Menschen in seiner Verletzlichkeit. Das heisst nicht, dass seine Bilder Mitleid erzeugen, vielmehr machen sie bewusst, und das unterscheidet sie von Fotos, dass der wahre Schmerz nicht der ist, den wir erleiden, sondern der, den wir zufügen.
© Galerie Ling
